Katze-Ediths Homepage » Katze-Edith » Lyrik ~ Epik ~ Dramatik » Eigene Geschichten » ... vom Schweißtuch der heiligen Veronika » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Letzter Beitrag | Erster ungelesener Beitrag Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen

Neues Thema erstellen Antwort erstellen
... vom Schweißtuch der heiligen Veronika « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »

katze_edith katze_edith ist weiblich
Administrator


Dabei seit: 20.02.2015
Beiträge: 496

... vom Schweißtuch der heiligen Veronika Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springenZum Ende der Seite springen



... vom Schweißtuch der heiligen Veronika


Sudarium Christi






Etwa vor 2000 Jahren, zur Zeit der letzten Regierungsjahre des Kaiser Tiberius (1) , siedelte sich hoch oben im Sabiner-Gebirge (2) in einer sehr alten Hütte ein armer Winzer mit seiner Frau an. Da sie fremd in der Gegend waren, lebten sie in größter Einsamkeit. Niemand, der sie besuchte.



Doch eines Morgens kauerte eine Frau auf seiner Schwelle. Sie war in einen einfachen, grauen Mantel gehüllt und vermittelte den Eindruck recht arm zu sein.
Und doch ...
Als sie aufstand und auf ihn zuging, hatte sie etwas ehrfurchtgebietendes an sich. Alles an ihr erinnerte ihn an Sagen und Geschichten, in denen Göttinnen in Gestalt alter Greisinnen zu den Menschen kamen.

"Lieber Freund, wundere dich nicht darüber, weil ich hier auf deiner Schwelle die Nacht verbrachte, sagte die Alte zum Winzer, "denn wisse, ich wurde hier vor etwa 90 Jahren geboren. Ich dachte, diese Hütte wäre nach wie vor verlassen. Niemand sagte je zu mir, daß hier nun Leute wohnen."
"Schon gut," gab der Mann zur Antwort, "kein Wunder, daß du meintest dies wäre unbewohnt. Meine Frau und ich kommen aus einem fernen Land und als Fremde fanden wir keine bessere Bleibe. Auch leben wir abgeschieden und treffen kaum einen anderen Menschen."
Die alte Frau dauerte ihm und so lud er sie mit folgenden Worte ein: "Du bist gewiß hungrig, durstig und müde. Komm tritt ein. Ich hoffe, es ist dir lieber diese Hütte von Menschen bewohnt zu wissen, denn von Wölfen. Meine Frau richtet dir gerne ein Lager zum Ausruhen und wenn du möchtest, wir haben auch Ziegenmilch und Brot."

Über das Antlitz der alten Frau huschte ein feines Lächeln, das jedoch deren großen Kummer nicht verschwinden lassen konnte. "Seit Kindertagen lebte ich in diesen Bergen und weiß, wie Wölfe verjagt werden können."
Der Winzer glaubte ihr, daß sie obwohl schon sehr alt, sie kräftig genug wäre sich der wilden Tiere und Wölfe zu erwehren.
"Das mag schon sein," stimmte ihr der Mann zu, "doch meine Einladung, dich bei uns auszuruhen und mit uns zu essen, ist noch immer aufrecht. Komm und tritt ein."

Es gab Milch mit Brotbrocken darin.
Irgendwie gewannen die Eheleute den Eindruck, als würde die Greisin besseres gewohnt gewesen sein, als ob sie feinste Fasanen auf silbernen Platten gespeist hätte ... Es mag sein, daß sie hier geboren wurde, doch hat sie sicherlich bessere Zeiten erlebt als hier in der Einsamkeit Ziegen zu melken und Butter und Käse zu machen ...

Während des Essens hob der Gast immer wieder seine Blicke und schaute sich um. Die nackten, gestampften Lehmwände wiesen nach wie vor Spuren von Kindern auf, die Hunde, Hirsche und Ähnliches darauf gezeichnet hatten. Ganz oben, auf einem Brett vermeinte sie sogar die Scherben eines Tonkrugs aus jenen fernen Tagen zu finden. Mit den Gedanken schien sie weit weg zu sein. Dann wieder, wenn sie erneut ins Jetzt kam, seufzte sie schwer und kummervoll. Kaum war sie mit den Essen fertig, da erhob sie sich und ging zur Tür.

Sie schien den Winzerleuten so bedauernswert und der Mann sprach: "Für dich war es eine arge Mühe des nachts heraufzukommen. Wir denken, du wolltest sicher hier den Rest deiner Tage verbringen. Aber nun, da wir in der Hütte wohnen, willst du von dannen gehen?"
"Die Hütte, die über so viele Jahre verlassen war, gehört genauso euch, wie mir." die Greisin leugnete nicht, daß die Vermutung recht war. " Doch jetzt steht mir kein Recht zu hier zu bleiben."
"Da dies die Hütte deiner Familie war, hast du wohl das gleiche Recht wie wir. Nebenbei, wir sind jung und du bereits alt. Also werden wir wohl gehen."

Der Ehefrau des Winzers gefiel dies nicht wirklich und so mischte sie sich in das Gespräch ein: "Lieber Mann, ich möchte dich bitten, die würdige Greisin zu fragen, ob sie uns an Kindes statt annehmen wolle." Zur alten Frau gewandt meinte sie: "Wer würde dich pflegen? Wer würde dir helfen, wenn wir weggingen? Wovon willst du hier in dieser Einöde leben? Wir können dich nicht verhungern lassen."

Während der gesamten Zeit hatte die alte Greisin die beiden Leute beobachtet: "Warum seid ihr so barmherzig zu mir? Ihr seid selbst Fremde in diesem Land."
Da antwortete die junge Frau: "Wir sind einst selber einer großen Barmherzigkeit teilhaftig geworden ..."



Und so geschah es.
Die drei Leute lebten fortan gemeinsam in der Hütte. Eine Freundschaft entwickelte sich zwischen den Eheleuten und der alten Frau. Ein jedes achtete den anderen. So fragten die Jungen auch nicht nach, woher sie gekommen war oder wer sie sei.
Instinktiv begriffen sie, diese Fragen wären nicht gut angekommen ...

Eines Abends, nach getaner Arbeit, saßen sie wie so oft friedlich auf der Schwelle der Hütte und aßen ihr Nachtmahl. Da gewahrten sie einen alten Mann, der mühsam den Berg heraufstieg. Als er näher kam, sahen sie, er war kräftig gebaut, doch sein Gesicht war finster und unfreundlich. Um seine Mundwinkel lagen Züge von Verachtung und Bitterkeit.
Nun straffte sich seine Haltung und er näherte sich schneller.
Ob seiner einfachen Kleidung vermutete der Winzer, es könne ein Legionär sein, der nach seinem Abschied in seinen Heimatort zurückkehrt.

Der Fremdling war nun bei den drei Essenden angelangt.
Da der Weg nur ein kleines Stück hinter der Hütte zu Ende war, fragte der Winzer: " Hast du dich verirrt? Niemand sonst tut sich die Mühe und klettert herauf. Oder hast du eventuell für einen von uns eine Botschaft?"

Der Fremde trat noch ein paar Schritte näher. "Es ist so, wie du sagst. Erst hab ich den Weg verfehlt und nun gehe ich, wohin mich meine Schritte lenken. Gewähre mir bitte etwas Ruhe und dann sag mir bitte, wie ich zum Gutshof komme."
Während er so sprach, setzte er sich auf einen der großen Steine.

Die junge Frau lud ihn ein mit ihnen zu essen, was er jedoch lächelnd ablehnte. Er ließ erkennen, daß er geneigt war sich mit ihnen zu unterhalten und stellte Fragen nach ihrem Leben und ihrer Arbeit.
Die jungen Leute gaben bereitwillig Auskunft.

Doch auch die Gastgeber hatten Fragen an den Fremden: "Wie du siehst, leben wir hier ziemlich abgeschieden. Es ist gewiß schon über ein Jahr her, seit wir außer mit Hirten, anderen Winzern oder Bauern gesprochen haben. Magst du uns etwas aus deiner Zeit im Feldlager des Kaiser oder über Rom erzählen?"

Der Mann hatte noch nicht seine Frage ganz ausgesprochen, als die Alte ihm einen warnenden Blick zuwarf und ihm mit der Hand ein Zeichen der Warnung gab.
Der fremde Gast allerdings entgegnete freundlich: "So, so, du hältst mich also für einen Legionär. Nun, so ganz unrecht liegst du da nicht mit deiner Meinung, wenngleich ich schon lange den Dienst verlassen habe. Obschon Tiberius in seinen Glückstagen ein großer Feldherr war, so gab es nicht viel Arbeit. Jetzt aber beginnt er allerorts Verschwörungen zu wittern. So ließ er unlängst rein auf Versdacht einen Senator ergreifen und töten."
"Ach der arme Kaiser! Er weiß nicht mehr was er tut?!" erschüttert darüber schüttelte sie voller Mitleid ihren Kopf.

Tiefe Schwermut lag über dem Gesicht des Fremdlings: "Da hast du recht. Kaiser Tiberius weiß vom Haß der Menschen und genau das wird ihn in den Wahnsinn treiben."
"Aber was redest du denn da? Weshalb sollen wir ihn den hassen?" gab die Frau zu bedenken, "Wir beklagen doch nur, daß er nimmer der große Herrscher ist wie zu Beginn."
"Nein, gute Frau, jetzt irrst du." widersprach der Gast. "Jetzt, da er nur noch ein grausamer, schrecklich herzloser Tyrann ist, wird er von den Menschen gehaßt und verachtet. Die Römer fürchten sogar, daß es noch schlimmer werden wird ..."
Nun wollte der Winzer erst recht Näheres wissen: "Irgendetwas muß geschehen sein, daß er nun so ein böser Unhold geworden ist."

Wiederum gab die Greisin versteckte Warnzeichen der jungen Frau, doch so, daß ihr Mann sie nicht bemerken konnte.

Um die Lippen des Fremden lag ein gar sonderbares Lächeln.
"Vielleicht hast du schon gehört, daß Tiberius einen einzigen Freund in seiner Umgebung hatte, der ihm stets, anders als alle Glücksjäger und Schmeichler, die Wahrheit sagte. Dies war seine Amme Faustina. Sie allein ließ ihn stets den Wert seiner Taten, Handlungen und Entscheidung - ob gut oder schlecht - erkennen ..."
"Freilich, jeder hier hörte wie sehr der Kaiser ihr in Freundschaft zugetan ist." warf der Winzer ein.

Der Fremde fuhr mit seiner Erzählung fort: "Tiberius schätzte sehr diese Treue und Hingabe. Einst kam sie aus einer elenden Hütte aus diesen Sabiner Bergen als arme Bäuerin. Sie behandelte er wie eine zweite Mutter. Während er in Rom weilte, lebte sie auf dem Palatin, damit sie immer in seiner Nähe war. Er ließ sie wie eine Kaiserin kleiden, mit Sänften durch die Straßen tragen und sie verfügte über kostbarsten Hausrat. Als er nach Capri zog, erhielt sie ein Landhaus ..."
"Dann ging es ihr wahrlich gut," sagte der Mann.

Seine Frau saß stumm neben ihm.
Beinahe erschrocken bemerkte sie die Veränderung, die mit der alten Frau geschehen war. Als der Fremde zu sprechen begonnen hatte, schob sie ihr Essen zur Seite. Der sonst freundliche, sanfte Ausdruck ihres Gesichts war verschwunden. Statt dessen lehnte sie nun steif und aufrecht an der Mauer und starrte mit versteinertem Gesicht vor sich hin.

"... und jetzt hat sie den Kaiser, trotz all seiner Absicht ihr ein Glückliches, schönes Leben zu bereiten, verlassen!" endete der Fremde.
Jetzt zuckte die alte Frau zusammen, während die junge ihr sanft die Hand auf den Arm legte und dann sagte sie mit milder Stimme: "Glaubst du wirklich, daß Faustina sooo glücklich bei Hofe war? Gewiß liebte sie Tiberius wie einen eigenen Sohn und sie war sicherlich sehr, sehr stolz auf alles in seiner Jugend. Umso größer muß nun der Kummer darüber sein, daß er mit dem Alter so grausam und mißtrauisch wurde. Ich kann mir vorstellen wie schrecklich es für sie sein mußte, stets und immer fort umsonst zu bitten, zu mahnen und zu warnen. Schließlich wird sie halt nicht länger habe ertragen können, zu sehen wie er immer schrecklicher wird ..."

Der fremde Mann war von diesen Worten, die leise und ehrerbietig gesprochen waren sichtlich überrascht: "Wie richtig du die Frau beurteilst. Tatsächlich war Faustina nie sehr glücklich am Hof. Dennoch ist er verwunderlich, daß sie jetzt, wo sie ihr ganzes Leben bei Tiberius ausgeharrt hat, ihn im Alter verließt."
Der Winzer sprach überrascht: "Was sagst du da? Sie hat den Kaiser verlassen? Für immer?"
"Ja. Heimlich ist sie fortgeschlichen - ohne alles. So arm, wie sie einst an den Hof kam, so arm ging sie."
Mit sanfter Stimme fragte die junge Frau: "Und der Kaiser hat keine Ahnung, wohin sie ist?"
"Leider nicht! Einige vermuten sie könnte in ihre Heimat gegangen sein."

Es entspann sich zwischen den beiden ein Zwiegespräch ...
"Weshalb sie ihn verlassen hat, weiß der Kaiser?"
"Nein, der Kaiser hat keine Ahnung. Er hat niemals an ihrer Treue gezweifelt. Sie war die einzige, die uneigennützig war. Ganz anders als alle anderen, die immer nur für alles Geld, Lohn und Geschenke erwarteten. Er hofft noch immer, sie kehrt eines Tages zurück, weil sie doch weiß, daß er nun keinen wahren Freund mehr hat."

"Zwar kenne ich diese Faustina nicht und dennoch meine ich zu erahnen, weshalb sie den Kaiser verließ. Inmitten der Berge in Einfachheit und Sitte erzogen, hat sie sich wohl nach ihrer Heimat gesehnt. Hätte der Kaiser sie nicht beleidigt, hätte sie ihn wohl niemals verlassen. Ich an ihrer Stelle würde dann auch, am Ende meiner Lebenszeit angelangt, denken, das Recht zu haben einmal an mich selber denken zu dürfen. Wenn ich ein ganzes Leben lang gedient habe und meine ich genug getan zu haben. Was sind alles Wohlleben und die Kaisergunst gegen die eigene Seele mit Gerechtigkeit und Lauterkeit zu erfüllen, ehe es ins Jenseits geht."

Ernst und ein wenig schwermütig blickte der Gast die junge Frau an: "Wahr ist, daß nun des Kaisers Taten und Handlungen noch furchtbarer als je zuvor werden. Es gibt keinen Menschen mehr, der auf ihn einspricht, ihn beruhigt, wenn wieder einmal Mißtrauen und Verachtung seiner Untertanen Platz greifen ..." jetzt blickte er finster die Junge an, " auf der ganzen Welt hat er keine Menschenseele mehr, die ihn nicht verachtet, die ihn nicht haßt, ihm nicht fort wünscht!"
Aus diesen Worten war bitterste Verzweiflung zu entnehmen.
Die Alte machte eine hastige Bewegung und wandte sich ihm schon zu, als die Junge, ihm fest in seine Augen blickend, antwortete: "Ich meine, Tiberius weiß, seine Faustina würde an den Hof zurückkehren, wenn ihre Augen nicht mehr Grausames, Schändliches und Lasterhaftes schauen müßten."

Nun stand alle.
Die Eheleute hatten sich vor die Greisin gestellt, grade so, als wollten sie sie beschützen.

Ohne ein Wort zu sagen sah der Fremde mit fragendem Blick die Alte an. Fast schien es, als wollte er sie fragen: 'Ist das auch DEIN Wort?'
Doch die alte Frau vermochte kein Wörtchen hervorzubringen obwohl ihre Lippen zitterten.
Dafür sagte die Winzerin: "Wenn der Kaiser seine alte Dienerin wirklich so sehr geliebt hat, warum mag er ihr nicht jetzt etwas Ruhe gönnen. Jetzt in den letzten Lebenstagen?"

Einen Augenblick noch zögerte der Fremde.
Plötzlich hellte sich seine Miene auf:" Meine Freunde, was immer man über Tiberius auch sagen mag, eines hat er gelernt - besser als andere - das ist zu verzichten. Ich habe euch nur eines zu sagen: >>Sollte die alte Frau, von der wir sprachen, diese Hütte aufsuchen, dann bitte nehmt sie wohlwollend und gut auf.<< Jedem, der ihr beisteht, ist des Kaisers Gunst gewiß!"

Mit diesen Worten verabschiedete er sich, hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.



Von Stund' an sprachen die drei nie wieder auch nur ein Wort über den Kaiser.
Freilich wunderten sich die Jungen über diese Kraft allen Reichtum und der Macht zu entsagen und sich so einen weiten Weg anzutun.
Insgeheim fragten sie sich wohl: 'Vielleicht möchte sie doch zu Tiberius zurück? Sie liebt ihn offensichtlich noch immer und sie verließ ihn in der Hoffnung ihn dadurch zur Besinnung zu bringen. Ihn von dem schrecklichen Treiben abzuhalten.'

Einmal sprachen die Eheleute untereinander: "Was meinst du Weib, Kann so ein alter Mann noch ein neues Leben beginnen? Wie könnte man ihn von der grauslichen Menschenverachtung heilen, ihn von all den Grausamkeiten abhalten? Wer hätte den Mut vor ihn hinzutreten und ihn Menschenliebe lehren?" er seufzte, "solange das nicht geschieht, kann nichts und niemand ihn von seinem Mißtrauen und dem Grauen, das er verbreitet befreien."
"Wir beide wissen, daß es diesen Menschen gibt, der dies vermöchte. Wie wohl eine Zusammentreffen dieser beiden Menschen wäre? Aber dies sind nicht unsere Wege, dies sind Gottes Wege ..." sagte seine Frau.

Indess' schien das vergangene Leben der Greisin nicht zu fehlen und als ein Kindlein das Licht der Welt erblickte, schien sie alle Sorgen vergessen zu haben, denn sie durfte das Kleine hüten und wiegen.

Nur eines tat sie fortan.
Alle sechs Monate einmal hüllte sie sich in ihren langen grauen Mantel und ging nach Rom. Dort angelangt schritt sie geradewegs auf einen kleinen Tempel am Randes des Forum zu. Dieser Tempel enthielt lediglich einen überdimensionalen Altar unter freiem Himmel, welcher auf einem gepflasterten Hof errichtet war. Oben thronte die Glücksgöttin Fortuna und zu deren Füßen Tiberius als Statue. Rundherum gab es Gebäude für Priester, Ställe für die Opfertiere und Schuppen für das Holz.

Faustina, denn das war die Greisin, ging niemals weiter als bis zu diesem Tempel.
Hierher pilgerten all jene, die für das Glück Tiberius' flehten.
Waren sowohl die Göttin, als auch der Kaiser mit Blumen geschmückt und bekränzt, brannten Opferfeuer, scharten sich Betende um den Altar und klangen leise der Priester Hymnen, dann kehrte sie in die Berge zurück. Durch diesen Blick in den Tempel wußte sie um das Wohlergehen ihres Tiberius. Er lebte.

Jedoch - als sie zum dritten Male diese Reise tat, erwartete sie eine schmerzliche Überraschung.
Sie fand den kleinen Tempel öd und verlassen vor. Kein Mensch betete darin. Keine Flamme loderte vor der Statue. Alles, was von der vergangenen Herrlichkeit zeugte, waren vertrocknete Kränze, die traurig herunterhingen. Ohne Priester stand des Kaisers Statue beschädigt und mit Schmutz beworfen da.



Entsetzt wandte sich die alte Frau an den erstbesten, der vorüberkam: "Sag, was hat das zu bedeuten? Was ist mit Tiberius? Ist er tot? Haben wir einen neuen Kaiser?"
"Nein, nein - Tiberius ist noch Kaiser." gab der Römer zur Antwort, "Doch wir haben aufgehört für ihn zu beten und um Glück zu flehen, denn das hat ja doch keinen Sinn. Damit können wir ihm nicht helfen."
"Mein Freund, ich komme weither aus den Bergen. Dort erfahren wir nichts, was so in der Welt geschieht. Sag mir an, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?" flehte die Alte.
"Ein gar schreckliches Unglück! Eine grausame Krankheit, die bei uns bisher unbekannt war, hat ihn befallen. Im Orient mag diese jedoch häufig vorkommen. Zehen und Finger verfaulen, das Gesicht ist entstellt und will er sprechen, dann klingt dies wie grunzen eines Tieres. Weil es dagegen kein Mittel zu geben scheint, glauben die Leute, er werde wohl bald sterben. Falls nicht, werden sie ihn absetzen, denn ein elendskranker, alter Mann kann kein großes Reich regieren. Du siehst wohl ein, daß es nichts nützt weiter die Götter um Glück anzuflehen." und mit einem kleinen Lächeln fügte er leise dazu: "Da von dem keiner mehr was zu befürchten oder zu erhoffen hat, braucht sich seinetwegen auch keiner mehr die Mühe machen zu den Göttern zu beten."
Damit ging er.

Zurück blieb die Greisin.
Sie stand da wie betäubt. Erstmals in ihrem langen Leben brach sie zusammen. Mit gebeugtem Rücken, schwankendem Kopf und kraftlosen Armen bot sie den Anblick eines Menschen, den das Alter gebrochen hat. Kaum vermochte sie die Füße zu bewegen. So sehr sie sich auch wünschte diesen Ort verlassen zu können, es gelang ihr nicht. Immer wieder strauchelte sie und so sehr sie auch suchte, nichts konnte ihr als Stütze dienen.
Nach einer Weile gelang es ihr mit größtem Willenseinsatz diese Mattigkeit zu überwinden. Sie zwang sich aufrecht durch die belebten Straßen zu gehen.



Es dauerte eine gute Woche bis sich Faustina soweit erholt hatte. An einem heißen Tag schleppte sie sich die steilen Hänge zur Villa des Tiberius hinauf.

Ein Gefühl der Mattigkeit überkam sie als sie gewahr wurde, wie sehr sich alles seit ihrer Abwesenheit verändert hatte.
Keine Scharen von Menschen, die die Stufen hinauf und hinab eilten.
Kein Senatoren-Gewimmel.
Keine Sänftenträger.
Keine Sendlinge aus den Provinzen von Sklaven geleitet.
Keine nach Ämtern suchende vornehme Männer.
Keine Gäste, die zu den Festen des Kaisers geladen waren.
Lediglich graugrüne Eidechsen begegneten der Greisin als einzig lebende Geschöpfe auf den Treppen und Pfaden!



Die alte Frau war bestürzt!
Alles schien zu verfallen. Dabei mochte die Krankheit des Herrschers doch höchstens einige Monate dauern.
Schon wucherte Gras zwischen den Marmorplatten.
Die edlen Gewächse waren vertrocknet.
Die Balustraden von wilden Zerstörern gebrochen.

Doch alles berührte sie nicht so sehr als das Fehlen der Menschen. Wo waren die Tänzerinnen und Musikanten? Wo die Köche, Tafeldecker, Palastwachen, Gartenarbeiter und wer so noch zum Haushalt gehörte?

Endlich erreichte Faustina die oberste Terrasse.
Hier saßen einige alte Sklaven und als sie sie erkannten, verneigten sie sich vor ihr: "Sei gegrüßt, Faustina! Gott sendet dich um unser Unheil zu lindern."
"Milo, was geht hier vor?" wollte Faustina wissen. "Warum schaut hier alles so aus? Tiberius soll doch immer noch hier wohnen."
"Der Kaiser hat alle fortgejagt. Er meint, einer habe ihm Gift in den Wein gemengt und das wäre die Ursache für seine Krankheit. Tito und ich haben uns aber geweigert zu gehen. Du weißt, wir haben unser ganzes Leben ihm und seiner Mutter treu gedient."

"Ich frage auch nach den Senatoren und Feldherren, nach den Vertrauten und Speichelleckern des Kaisers."
"Der Kaiser möchte nicht, daß ihn wer so sieht, außer dem Senator Lucius und dem Anführer der Leibwache Marco. Die kommen täglich um Befehle in Empfang zu nehmen. Ansonsten darf keiner in seine Nähe."

Indessen war Faustina mit Milo die Treppen hinaufgestiegen.
"Und was sagen die Ärzte?
"Keiner von ihnen weiß um diese Krankheit. Ob sie schnell oder langsam tötet ... Sicher ist nur, er muß sterben. Verweigert er weiterhin die Nahrung aus Angst vergiftet zu werden, verhungert er. Er schläft nicht mehr aus Sorge er werde ermordet. Ich weiß nur, daß dies kein kranker Mann auf Dauer aushalten kann. Doch Dir könnte es gelingen, daß er dir wie in früheren Tagen zu vertrauen, er endlich ißt, trinkt und schläft. Du könntest so sein Leben verlängern."

Der Sklave geleitete sie durch die Gänge, durch Höfe und endlich zu einer Terrasse, wo sich Tiberius aufzuhalten schien. Hier pflegte er die Aussicht über die Buchten und den Blick zum stolzen Vesuv zu genießen.

Was Faustina da allerdings erblickte, war ein Kreatur mit geschwollenem Gesicht und grausig tierischen Zügen. Hände und Füße dick in weiße Binden gewickelt, aus denen faulige Zehen und Finger ragten. Das Geschöpf in seinem dreckigen Gewand kroch mehr als es aufrecht gehen konnte und lag mit fast geschlossenen Augen am äußersten Rand der Balustrade. Das Wesen bewegte sich auch nicht, als der Sklave und Faustina herankamen.

"Milo, was bedeutet das? Wie gelangt so ein Mensch auf des Kaisers Terrasse? Schaffe ihn fo..."
Mitten im Wort bemerkte sie, wie sich Milo tief vor dem am Boden liegenden verneigte: "Cäsar (*) Tiberius! Endlich habe ich eine Frohbotschaft zu bringen ..."
Damit drehte er sich zu Faustina um und vermochte kein Wort mehr zu sagen.

Die ehedem stolze Matrone, die stets so stark aussah, der man ihr Alter für das einer Sibylle halten mochte, war nun in greisenhafter Kraftlosigkeit zusammengesunken. Er sah nun eine gebeugte alte Frau mit suchenden Händen vor sich.
Freilich, die Leute hatten erzählt wie schrecklich sich der Kaiser verändert habe.
Sie jedoch hatte nie aufgehört sich einen kräftigen Mann vorzustellen, so wie er gewesen war, als sie ihn verließ. Man hatte ihr auch berichtet, diese Krankheit schreite eigentlich langsam vor sich, doch in diesem Falle sie so reißend fortgeschrien und daher der Kaiser schon nach wenigen Monaten unkenntlich war.

Wankend trat Faustina zum Kaiser. Sie vermochte nicht zu sprechen. Sie weinte.
"Bist du nun endlich gekommen? Hier liege ich und bilde mir ein, du, Faustina, stehst neben mir und weinst. Verzeih, wenn ich nicht wage aufzublicken aus Angst, es könnte ein Trug sein ..."

Faustina setzte sich zu ihm, nahm seinen Kopf und legte ihn in ihren Schoß.
Tiberius blieb still und wagte immer noch nicht sie anzuschauen. Aber es umfing ihn ein wohliges Gefühl der Ruhe und endlich versank er in einen tiefen Schlaf.



Weitere Wochen waren ins Land gezogen als ein kaiserlicher Sklave zu der einsamen Hütte in den Sabiner Bergen hinan wanderte.

Die Sonne war eben im Sinken begriffen, als sich der Sklave zu den Winzerleuten vor der Hütte gesellte, diese grüßte, einen riesigen Beutel aus dem Mantel zog und ihn dem Winzer in die Arme legte mit den Worten: "Das ist ein Danke gesendet von unserer Faustina, welche ihr so barmherzig bei euch aufnahmt. Sie möchte, daß ihr davon einen eigenen Weinberg für euch erwerbt und nicht länger hier heroben mit den Adlern hausen müßt."

Erfreut rief der Mann aus: "Gottlob, unsere Faustina lebt doch noch! Was haben wir die Berge, Schluchten und Sümpfe abgesucht, weil wir fürchteten, sie hätte irgendwo elends den Tod gefunden ..."
"Siehst du," unterbrach ihn seine Frau, "was ich dir stets sagte. Aber du wolltest es nicht glauben, daß sie zu ihrem Kaiser zurück gegangen ist."
"Ja, ja!" bestätigte ihr Mann, "wie so oft hast du wieder einmal recht behalten. Ich freue mich, daß es ihr gut geht. Auch, weil sie nimmer mit uns in dieser Armut leben muß und besonders, da sie unserm Kaiser beistehen kann."

Der Sklave gedachte, seine Aufgabe erledigt zu haben und noch vor Einbruch der großen Finsternis eine belebtere Gegend zu erreichen.
Dies jedoch wollten ihm die beiden nicht erlauben: "Nein, nein, lieber Freund! Bitte bleibe bei uns. Schau, wir möchten sooo vieles über unsere Faustina erfahren. Warum kehrte sie zum Kaiser zurück? Wie war deren Begegnung nach so langer Zeit? Sind sie Glücklich sich erneut gefunden zu haben? ..."

Fragen über Fragen quollen nur so aus ihnen heraus.
Der Sklave erkannte die ehrliche Anteilnahme und so blieb er über Nacht. Beim Abendessen berichtete er alles über des Kaisers Krankheit und über Faustinas Rückkehr.

Starr und wie betäubt vom Gehörten saßen die Gastgeber da. Sie waren voller Erregung und derart überwältigt von allem. Dies versuchten sie jedoch dem Gast nicht zu verraten.

Endlich war der Mann so weit gefaßt, daß er die Hand seiner Frau nahm und sagte: " Das war wohl göttliche Fügung, Frau?"
Seine Frau pflichtete ihm bei: "Ja, das scheint wohl so zu sein. Der Herr hat uns beide wohl deshalb über das weite Meer hier herauf zu der Hütte gesandt. Es lag wie es scheint in seiner Absicht uns die alte Greisin vor die Türe zu führen ..."

Nun wandte sich der Winzer dem Sklaven zu: "Lieber Freund! Überbringe Faustina eine Botschaft von uns - aber bitte merke dir jedes Wort und gib sie genauso wieder!

>>Dein Freund, der Winzer aus den Sabiner Bergen; entbietet Dir seinen Gruß.
Du hast die junge Frau gesehen, die mein Weib ist.
Erschien sie Dir nicht lieblich in ihrer Schönheit und blühend in Gesundheit?
Und dennoch litt dieses junge Weib einst an derselben Krankheit,
die jetzt Kaiser Tiberius ergriffen hat.<<

Weigert sich Faustina die zu glauben, sag, daß mein Weib und ich aus Palästina stammen, wo diese Krankheit vielfach verbreitet ist. Dort werden laut einem Gesetz die Aussätzigen aus Städten und Dörfer gejagt. Sie müssen in Gräben, Felshöhlen und sonst öden, verwilderte Gegenden hausen. In solch einer Gegend wurde meine Frau gesund geboren. Doch als junge Frau wurde auch sie von dieser Krankheit befallen ..."

Der Sklave schüttelte zunächst verwundert seinen Kopf um dann freundlich zu entgegnen: "Aber sag an, wie sollte das Faustina glauben, da sie deine Frau so gesund und wunderschön erlebt hat? Ferner ist bekannt, daß es gegen diese heimtückische Krankheit keine Heilung gibt."

"Wenn sie nicht glauben kann, dann soll sie Kundschafter nach Nazareth in Galiläa entsenden. Dort wird jedermann meine Aussage bestätigen!"

Mit großen Augen lauschte der Sklave: "Ist dein Weib etwa durch eine Wunderheilung eines Gottes gesund geworden?"
Der Winzer erwiderte: "So war es! Eines Tages drang ein Gerücht zu uns in diese grausame Wildnis, das folgendes besagte:
>>In der Stadt Nazareth lebt ein großer Prophet, ausgestattet mit der Kraft Gottes.
Dieser vermag diese Krankheit zu heilen - allein mit dem Auflegen seiner Hände auf die Stirn.<<

Viele der Erkrankten wollten das nicht glauben und versteiften sich, daß dies alles bloß ein Gerücht sei, denn niemand könne sie aus dem Unglück erretten. Doch eine junge Magd glaubt fest daran. Sie verließ die Öde und begab sich nach der Stadt des Propheten.
Wie sie so dahin schritt über die weite Ebene, begegnete ihr ein Mann - groß, mit dunklen Locken, bleichem Antlitz und Augen wie Sterne.

Schon von weitem rief sie ihm warnend zu: 'Vorsicht, ich bin eine der Unreinen. Doch hätte ich eine Frage - kannst du mir verraten, wo ich den Propheten aus Nazareth treffen kann?'

Der Mann allerdings näherte sich unbeirrt und fragte schließlich, weshalb sie den Propheten suche.
'Ich glaube daran, daß er mich von meiner Krankheit erlösen kann allein durch seine Hände auf meiner Stirn.'

Da legte der Mann seine Hände auf die Stirn der jungen Magd und sagte: 'Nun geh hin in die Stadt und zeige dich den Priestern.'

Die kranke Magd vermeinte, er würde über sie spotten, da sie so fest an eine Heilung glaube.
'Schade,' dachte sie, 'durch ihn habe ich nichts erfahren ...'

Wie sie so weiterging, sah sie in der Ferne einen Mann auf der Jagd.
Als sie sich in dessen Hörweite wähnte, warnte sie auch ihn vor ihr und fragte sogleich nach dem Propheten in Nazareth.
Auch der wollte wissen, was sie denn von dem wolle und wiederum erwähnte sie ihren Wunsch, auf daß dieser Prophet seine Hand auf sie legen möge damit sie gesunde.

Der Mann war näher geritten und fragte erstaunt: 'Sag, von welcher Krankheit wünscht du denn geheilt zu werden?'
Die junge Frau sagte: 'Ja erkennst du denn nicht, daß ich eine Unreine bin, eine in der Felsenhöhle geborene?'

Nun war der Reiter ganz nahe.
Er sah nur ein schönes Mädchen, rosig wie eine Blume. 'Verzeih, aber du bist das schönste Mädchen von Judäa ...'
Gekränkt fauchte die junge Magd: 'Spotte nicht! ich weiß selber wie ich aussehe; das Gesicht zerfressen und eine Stimme klingt wie das Geheule wilder Tiere ...'
Nein, holde Maid,' und dabei blickte er tief in die Augen der Jungfrau, 'dein Gesicht ist zart wie ein feines Seidentüchlein und deine Stimme klingt wie der Frühling.'
Er war ihr so nahe, daß sich ihr Gesicht in den Beschlägen des Sattels spiegelt.
Es war also wahr!
Ihr Antlitz glich einem zarten Schmetterlingsflügel so fein und zart!

Verwunderung machte sich auf dem Gesicht des Mädchens breit und mit großen Augen fragte sie ungläubig: 'Das kann nicht MEIN Gesicht sein ...! Und meine Stimme? Sie klingt doch wie röchelndes Wagenrasseln?'
Der Reiter antwortete geduldig: 'Aber nein! Wie ein leises Zitherspiel so sanft klingt deine Stimme.'

Es dauerte einige Momente - dann drehte sie sich um und sah gerade noch jenen Fremdem hinter zwei Palmen verschwinden, dem sie zuerst begegnet war. Sie wies in dessen Richtung und fragte den Reiter, ob er diesen Fremdling wohl kannte.
'Nun, dies war doch der Prophet nach dem du eben fragtest.'

Voll Verwunderung und Dankbarkeit, mit Tränen in den Augen, schlug sie die Hände vors Gesicht und rief: 'Oh du Heiliger! Du, der du die Macht Gottes besitzt, DANKE für die Heilung!'

Nun hob der Reiter sie zu sich aufs Pferd und ritt mit ihr den Abhang hinunter in die Stadt um sie den Ältesten und den Priestern zu zeigen. Denen berichtete haargenau, wie er auf sie getroffen war und von ihrem Gespräch. Alle wollten sie genauestens darüber Auskunft - und sie erfuhren von ihrer Geburt in den Felsenhöhlen, ihrer eigenen Erkrankung, von dem Gerücht, daß es Heilung gäbe und was ihr geschehen war.

'Dann gehe zurück zu den Deinen, wenn du dein Leben lang diese unheilbare Krankheit hattest, dann kannst du nicht hier bleiben. Du könntest sonst auch andere damit anstecken ...'
Sie aber hielt daran fest: 'Ich weiß bestimmt, daß ich genesen bin, denn der Prophet hat seine Hand auf meine Stirn gelegt!'

Da riefen alle Priester und die Ältesten: 'Wer vermag Unreine zu Reinen zu machen, der könne nur im Besitz böser Geister sein. Geh endlich zurück in die Wildnis, ehe du hier allen Unglück und Verderben bringst!'

Da sie nicht bereit waren den Worten Glauben zu schenken, waren sie auch nicht beriet, sie für genesen zu erklären, sondern jagten sie aus Nazareth. Ferner verkündeten sie, >>jeden, der ihr Obdach oder Nahrung geben würde für ebenso unrein zu erklären.<<

Nach diesem Urteil hob sie der Reitersmann wieder auf sein Pferd. 'Ich lasse dich nicht wieder zu den Kranken zurück. Wir beide ziehen weit übers Meer wo es keine Gesetze für Reine oder Unreine gibt ...' Und ..."

Nun unterbrach der Sklave: "Ich denke, du brauchst nicht weiter sprechen. Bitte geleite mich hinunter, dann ich bin des Weges unkundig und möchte raschest meinen Heimweg antreten. Jeder Augenblick zählt für unseren Kaiser und Faustine, den sie deine Botschaft eher erreicht!"

So brachte der Winzer den Sklaven sicher ins Tal und erklomm gleich wieder die Anhöhe zur Hütte. Dort erwartete ihn seine Frau noch immer wach.
"Du bist noch wach?"
"Ja, ich denke nur noch daran, wie es wohl wird, wenn der, der alle Menschen liebt auf jenen trifft, der alle haßt ... Es ist mir grade so, als würde diese Begegnung allen Wegen und Bahnen der Welt einen anderen Verlauf geben ...!"



Sobald Faustina die Geschichte erfuhr, machte sie sich sogleich selbst auf den Weg nach Jerusalem in Palästina. Niemals hätte sie es einem anderen erlaubt nach besagtem Propheten zu suchen um ihn zum Kaiser zu bringen.

Sie war der Meinung: "Wer von dem fremden Mann etwas derart großes wünscht, erreicht es nicht mit Gewalt, nicht mit Forderungen oder Geschenken. Aber vielleicht, wenn man selber zu seinen Füßen niedersinkt, ihm von des Kaiser Leid berichtet und um seine Gnade fleht...Wer, außer ihr, könne ihm so recht für den Kaiser bitten, wenn nicht sie, die sie doch unter dessen Krankheit ebenso leidet wie er?"

Allein die Hoffnung, auf Besserung ihres Kaisers verlieh der Greisin enorme Kraft ... ja fast Jugend.
Die lange Seereise bereitete ihr keinerlei Beschwerden und dann ... sie reiste nicht mit einer Sänfte, sondern ritt auf einem Pferd - gleich den Römern, Kriegsknechten und deren Gefolge.

Das Herz Faustinas, der Greisin, war erfüllt mit Hoffnung und Freude.
Die lange Reise von Jaffa nach Jerusalem war in der Frühlingszeit.
Die Saron-Ebene (3) glich einem strahlendem Blumenteppich! Selbst in den Bergen Judäas fehlte es nicht an Blumen. Entlang des gesamten Weges prangten blühende Pfirsich- und Marillenbäume (4) . Zwischen den alten Rebstöcken lugten junge Weinreben hervor.
Es schien beinahe, als könnte man ihnen beim Wachsen zusehen.



Doch es waren nicht nur die Blumen und Blüten, sondern diese Menschenmassen, die von Wegen und Stegen, von allen Seiten, selbst von den entlegensten Höhen und fernsten Winkeln des Landes auf Jerusalem strömten. Auf der Landstraße vereinigten sich die Scharen und schritten Jubeln dem Ziel entgegen. Gar mancher kam mit Seiner Frau, den Kindern und Schwiegerkindern, Enkeln ... daher, gleich einem kleinem Heer. War wer zu schwach und hatte nichts zu reiten, wurde er auf Armen getragen.
Etwas lag in der Luft, was selbst den Traurigsten mit Freude erfüllt hätte. Wenngleich der Himmel nicht klar, sondern leicht milchig bedeckt schien, so klagte keiner, denn dadurch war die gleißende Sonne gemildert.
Trotz der Windstille strömte der Duft der Blumen und Blüten über alle Wege und Felder.
Alle sangen fröhlich und doch wieder feierliche Lieder oder alte Hymnen, manche entlockten seltsamen, alten Instrumenten zarte Töne.

Inmitten all dessen wurde auch Faustina von all der Freude ergriffen.
In hurtiger Gangart trieb sie ihr Reittier an und sprach zu dem sie begleitenden Römer: "Ich träumte just in dieser Nacht von unserem Kaiser. Er bat mich nur ja nicht diese Reise zu verschieben oder sonst was zu versäumen. Fast schien es, als wollten unsere Götter mich gemahnen eiligst an diesem Morgen nach Jerusalem zu eilen."

Just in diesem Augenblick erreichten sie die Anhöhe des langen Bergrückens. Der Talkessel unter ihnen war umkränzt von Bergen und einer der gewaltigen Felsen trug Jerusalem.



Die Stadt glich gleichsam einer Krone, die samt ihren Türmen, Zinnen und Mauern tausendfach vergrößert schien.
Die Hänge hinauf waren gefüllt mit bunten Zelten und Menschen.

Es schien Faustina, als hätte sich die gesamte Bevölkerung Judäas hier zu einem hohen Feiertag (5) versammelt.
Eine Flut von weißen Gewändern, die Luft erfüllt von fröhlich-besinnlichen Gesängen und Festtagsfreude.

Ob all des Eindrucks sprach Faustina zu Sulpicius, den sie begleitenden Römer: "Scheint dir nicht auch, als würde das gesamte Volk nach Jerusalem ziehen wollen?"
"Wahrlich, du sagst es." sagte der von Tiberius auserwählte Begleiter. Er selber schien Tiberius als der einzig richtige, da er einige Zeit hier in Judäa verbrachte hatte. " Stimmt! Zum Frühlingsfest (5) ziehen von überall her die Menschen, egal ob jung oder alt, krank oder gesund, nach Jerusalem."

"Dann freue ich mich noch mehr just in diesen Tagen hierher zu kommen. Mir deucht, es als gutes Zeichen. Meinst du nicht auch, daß jetzt auch der Prophet aus Nazareth an dem Fest teilnehmen wird?"
"Vielleicht ist er schon hier," antwortete ihr der Römer, "vielleicht ist es wirklich eine göttliche Fügung. Auch scheint es, du darfst dich glücklich preisen, nach so langer, beschwerlicher Reise in deinem Alter noch immer kräftig, gesund und so glücklich zu sein."

Dann ritt er auf eine Gruppe zu und fragte, ob sie glaubten, daß auch der große Prophet anwesend sein würde.
Einer der Wanderer berichtete: "Bisher nahm er alle Jahre am Fest teil. So wird er auch in diesem Jahr kommen."
Eine Frau hörte das Gespräch mit und wies mit ihrem Arm auf einen Berg östlich von Jerusalem. "Dort, auf diesem mit Olivenbäumen bewachsenen Hang, wo die Galiläer ihre Zelte aufstellen, dort wirst du ihn gewiß treffen."

Mit den anderen zogen sie hinunter ins Tal und von dort auf den Berg Zion. Der Weg hinauf war mit Mauern eingefaßt, auf denen unzählige Krüppel, Lahme, Ausgestoßene und Bettler um milde Gaben flehten.

Eine junge jüdische Frau wies Faustina auf einen Mann unter ihnen hin: "Diesen Galiläer meine ich unter den Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Den frage nach dem, den du suchst."

Faustina und Sulpicius ritten auf den armen Mann zu.
Der war alt, mit grauem Bart und sein Gesicht war von der Sonnenglut gebräunt. Seine Arbeitshände wiesen Schwielen auf. Er war der einzige, der keinen der Vorübergehenden um Almosen anbettelte, weil er in kummervolle Gedanken versunken schien.

Sulpicius mußte ihn zweimal ansprechen: "Man sagt, du seist Galiläer und kennst den Propheten aus Nazareth?"
Heftig schrak der Angesprochene (6) zusammen und in seiner Stimme schwangen Zorn und Entsetzen: "Was sagst du da? Ich kenne den nicht und weiß von nichts, da ich Galiläer bin!"

Eine junge Jüdin mischte sich ein: "Red' doch nicht! Ich habe dich selber mit ihm gesehen! Sag schon den Freunden des Kaisers, wo sie ihn finden."

Der Jünger schien noch entsetzter und nun schrie er sogar: "Es scheinen wohl alle verrückt zu sein. Welch böser Geist läßt euch alle immer nach diesem Mann fragen? Wenn ich doch sage, ich bin nicht aus dieser Gegend und weiß nichts von dem!"

Mit dieser Ungestümheit lenkte er erst recht die Aufmerksamkeit auf sich. Nun erkannten ihn auch andere: "Ei freilich gehörtest du zu seinen Jüngern. Wir alle wissen, du bist mit ihm aus Galiläa gekommen."

Verzweifelt rief er gegen den Himmel: "Wegen jenes Mannes hielt ich es schon in Jerusalem nicht mehr aus und nun läßt man mich nicht einmal hier inmitten der Bettler in Ruhe! Warum will mir bloß keiner glauben, daß ich den nicht kenne?"

"Laß uns weitergehen," sagte Faustina, "dieser Mann scheint wahnsinnig zu sein. Unsinnig von ihm eine Antwort auf unsere Frage zu erhoffen."

Weiter ging es den steilen Berg hinauf.

Vor dem Stadttor rief eine Israelitin, die, die ihr zuvor hatte helfen wollen, sie möge vorsichtig sein. Dabei zog sie die Zügel an und sah, daß die Hufe des Pferdes dicht neben einem Mann im Staube liegend aufsetzten. So, wie er dalag, hingestreckt im Staub, war es ein Wunder, daß er in dem dichten Gedränge weder von Tieren noch von den vielen Menschen niedergetreten wurde.

Obwohl auch Kamele ihre schweren Beine dicht neben ihm aufsetzten, lag er regungslos auf seinem Rücken und schien mit glanzlosen Augen gegen den Himmel zu starren. Fast so, als suchte er sich zu verbergen und damit er leichter zertrampelt werde.

"Was bedeutet das denn? Weshalb liegt dieser Mann auf der Straße?" wollte Faustina wissen.
"Ihr Brüder und Schwestern! Seid barmherzig und führt eure Pferde und Lasttiere über mich. Zerstampft mich! Ich habe unschuldiges Blut verraten!" rief der auf der Straße liegende den Menschen zu.

"Faustina, bitte laß dich nicht von diesem Mann von deinem Vorhaben abhalten. Dies ist ein Sünder, der büßen möchte. Bedenke, dies ist ein absonderliches Volk!"

Doch der Mann flehte weiter die Hufe der Pferde und Kamele möchten ihn zermalmen.

Da sagte die Israelitin, als sie ihn näher betrachtete: "Auch der gehörte den Jüngern des Propheten an." und zu Faustina gewandt: "Soll ich ihn nach seinem Meister fragen?"
Dabei beugte sie sich über den Mann (7) : "Sag, Galiläer, was ist denn mit eurem Meister los? Überall trifft man euch verstreut an, nur von ihm ist nichts zu erkennen."

Urplötzlich kniete er auf und in seiner Stimme bebte helle Verzweiflung: "Welch böser Geist ist in alle gefahren? Warum fragen mich alle nach IHM? Genügt es denn nicht, daß ich mich in den Straßenstaub geworfen habe und um den Tod bitte? Müßt ihr mich auch noch ständig fragen, was ich IHM angetan habe?"

"Was fährst du mich so an? Ich habe dich doch nur nach dem Meister gefragt, wo er zu finden ist."

Plötzlich sprang der eben noch im Staub liegende auf, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie entsetzlich aufheulend laut:" Laß mich doch in Frieden sterben!"

Er stürzte von dannen.
Dabei umflatterten ihn die Fetzen seines Gewandes gleich dunklen Flügeln.
"Fast möchte man meinen, dies ist nicht nur ein seltsames, sondern ein wahnwitziges Volk." betrübt blickte Faustina hinter dem Davonrennenden her. "Ob ein Mann, der solch Wahnsinnige unter seiner Jüngerschar hatte, wirklich ihrem Kaiser helfen kann?"

Als könnte die Israelitin die trüben Gedanken lesen, sprach sie ernst: "Gebieterin, suche DEN auf, den du zu finden hoffst!" um dann kummervoll hinzuzufügen, "Ich fürchte nur, ein Unglück sucht ihn heim, weil seine Jünger gar so von allen Sinnen sind. Auch mir wäre es unerträglich IHN nicht sprechen zu können!"

Faustina ritt mit ihrem Begleiter durch die Torgewölbe Jerusalems.

Es schien beinahe unmöglich durch all die engen Gassen und Häuserschluchten durch das Menschengewimmel zu kommen. Sklaven und Kriegsknechte versuchten zwar immer wieder den Weg frei zu machen, doch die Menschen drängten unaufhörlich weiter vorbei.

"Wahrhaft, dagegen sind Roms Straßen stille Gassen ..." Sulpicius erkannte die auf sie wartenden Schwierigkeiten. "Fast scheint es, als käme man gehend eher weiter als zu Pferde. Herrin, laß uns zu Fuß zum Palast des Landpflegers gehen, denn wollten wir weiterhin reiten, ist es Mitternacht, ehe wir dort eintreffen."

Faustina dachte wohl das selbe und übergab ihr Pferd einem Sklaven. Tatsächlich gelang es ihnen nun besser weiterzukommen und bald befanden sie sich in einer halbwegs breiten Straße.

Leicht erleichtert sagte der Römer: "Schau, Faustina, jetzt haben wir es fast geschafft, denn diese Straße führt direkt zu unserer Herberge, dem Palast."

Sie befanden sich auf der Straße, welche vom Palast bis zur Pforte der Gerechtigkeit und von da nach Golgotha führt.
Dorthin geleitete das Volk einen Gefangenen, welcher dort ans Kreuz geschlagen wird. Die Menschen stürmten schier wild und voller Begeisterung durch die Straße. Mittels unmißverständlichem Freudengeschrei gaben sie kund, wie sehr sie sich freuten, das zu sehen, was sich ihnen nicht alle Tage darbot.

Höchst vornehme Personen und kostbaren Seidengewändern folgten den Scharen.
Dahinter folgten Frauen, welche bitterlich und verzweifelt weinten.
Danach folgten Bettler, Lahme und Krüppel aller Art, die ohrenzerreißend riefen: "O Gott und Herr! Schicke bitte deine Engel herab. Sende ihm Helfer in seiner Not!"



Römischer Söldner zu Pferde achteten streng darüber, daß nur ja keiner sich auf den Gefangenen stürzt und ihm womöglich hilft.
Henkersknechte geleiteten den Mann, den sie kreuzigen sollten.
Das schwere Holzkreuz dazu mußte er selber tragen, obgleich es zu schwer für ihn war. Es beugte den geschundenen Körper noch mehr gegen den Boden. Der Kopf war derart tief gesenkt, daß niemand sein Gesicht sehen konnte.



Als er an Faustina vorüberkam, bemerkte sie den Purpurmantel und die Dornenkrone.
Mitfühlend fragte Faustina: "Wer ist dieser Mann? Was hat er getan?"
Einer der neben ihr stehenden sagte: "Der da ist einer, der sich zum König machen wollte."
Wehmütig gab sie zu bedenken: "Wenn dem so ist, so erleidet er den Tod für etwas, was nicht erstrebenswert ist."

Die Schritte des Verurteilten wurden langsamer. Er schwankte. Die Henker hatten ein Seil um den Leib geknotet und begannen sogleich daran zu ziehen, um ihn anzutreiben. Doch sie zogen zu fest und der arme Mann kam unter dem Kreuz zu liegen.



Nur mit äußerster Mühe vermochten die römischen Reiter das Volk zurückzuhalten.
Mit Schwertern gingen sie gegen Frauen vor, die dem Mann beizustehen versuchten.
Gewaltiger Lärm entstand. Die Henker schlugen ihn und stießen mit Stangen in seine Seiten damit er aufstehen sollte. Doch das Gewicht des Kreuzes war zu groß. Schließlich packten doch ein paar Männer an und hoben es etwas an.

Da hob der Verurteilte sein Haupt empor und sah direkt in Faustinas Gesicht. Seine Wangen waren von Striemen und den Dornen gezeichnet. Blut und Schweiß perlten herab und in die Augen. Die Haare hingen in wilden Strähnen blutig herab. Während sich seine Lippen fest zusammenzupressen um einen Schrei zu vermeiden, waren seine Augen voller Qual, Erschöpfung und mit Tränen gefüllt.

Doch Faustina gewahrte unter all dem, fast in einer Vision, ein schönes Antlitz mit sanftmütigen Zügen und mit herrlich majestätischen Augen. Ihr Herz bebte vor Trauer und Mitgefühl für diesen fremden Mann in seinem Unglück.

Sie trat auf ihn zu, Tränen traten in ihre Augen.
Ob seiner Not vergaß sie ihre eigenen Sorgen und sie rief: "Oh, was hat man die angetan, du armer Mensch?!"
Gleich anderen Frauen wollte sie zu ihm hin.

Als der Hingesunkene ( 8 ) dies bemerkte, versuchte er näher an sie heranzukriechen. Es schien, als hätte er auf sie gewartet. Er umklammerte ihre Knie und schmiegte sich an, als suche er wie ein Kind Schutz bei seiner Mutter vor seinen Peinigern.



Die Greisin beugte sich über ihn. Trotz ihrer Tränen empfand sie selige Freude, daß er schutzsuchend zu ihr gekommen war.
Mit einem Arm umfaßte sie seinen Nacken. Wie eine Mutter ihrem Kind die Tränen trocknet, so legte sie ihr Schweißtuch (10) aus kühler Muschelseide (11) auf sein Gesicht. Sie wollte Blut und Tränen fortwischen.

Da hatten die Henker das Kreuz so weit angehoben, daß sie den Totgeweihten von ihr wegrissen und ihm das Kreuz erneut aufluden.
Ein leises Stöhnen entrang sich seiner Brust ob der Last, doch er leistete keinen Widerstand.

Faustina versuchte ihn zu umklammern, doch ihre schwachen, alten Hände konnten gegen diese groben Knechte nichts ausrichten.
Als wäre es ihr eigenes Kind rief sie: "Nein, nicht! Nehmt ihn mir nicht fort. ER darf NICHT sterben!"

Furchtbarer Schmerz und sogar Zorn erfüllten sie, als man ihn fortführte. Sie, die alte, gebrechliche Frau versuchte mit den Henkern um den armen Mann zu kämpfen.
Doch die Aufregung war wohl zu viel.
Schon beim ersten Schritt erfaßte sie ein Schwindel und sie sank ohnmächtig zusammen. Sulpicius konnte sie grade noch vor einem Sturz bewahren und er trug die Greisin in einen kleinen Laden auf der anderen Straßenseite.

Der Ladenbesitzer breitete einen Teppich aus und richtete ein Lager für die alte Frau auf dem Steinboden. Das Schwindelgefühl war derart heftig, daß sie sich nicht aufzurichten vermochte.

"Unsere Gebieterin hat heute schon einen langen Ritt hinter sich. Dazu der Lärm und das Gedränge! Sie ist schon sehr alt. In ihrem Alter ist keiner stark sein Alter zu bezwingen ..." sagte der Begleiter zum Kaufmann.

"Ach, das ist auch ein sehr schwerer Tag für einen, der nicht so alt ist. Die Luft ist so, daß es schwer fällt zu atmen." sagte der Kaufmann und mit einem Blick hinaus, "Würde mich nicht wundern, bräche heute noch ein Unwetter über uns herein!"
Sulpicius bemerkte, Faustinas ruhige Atemzüge. Sie war eingeschlummert.
Während er auf ihr Erwachen wartete, trat er in die Tür und schaute der Menge nach.



Die Frau des römischen Landpflegers träumte in der Nacht vor Faustinas Ankunft folgende Träume.

Sie sah sich auf dem Dach stehen und drunten, auf dem Hofplatz bemerkte sie alle Lahmen, Krüppel, Blinde und Kranke der Welt. Sieche, die hilflos am Boden lagen und sich in Schmerzen wanden. Aussätzige mit zerfressenen Gesichtern und faulenden Gliedmaßen pochten an die Palasttore.

Sie alle riefen nach dem großen Propheten, den Gott gesandt habe, um ihnen zu helfen...
Sie verlangten nach dem, der die Macht hat sie von allem Leiden und aller Qual zu erlösen...
Ebenso vernahm sie im Traum, wie einer der Sklaven hochnäsig die Leute mit den Worten abwies: "Ihr braucht nicht weiter nach ihm zu suchen. Pilatus hat ihn getötet!!"

Jammern, Wehklagen und Geschrei erhob sich unter diesen armen Menschen. Vor Mitleid vermeinte sie ihr Herz würde zerspringen und sie begann bitterlich zu weinen.
Davon erwachte sie.

Alsbald sank wie erneut in tiefen Schlaf.
Erneut träumte sie, sie stünde auf dem Dach und blicke in den Hof hinunter.

Diesmal war der Hof voller Menschen, doch sie waren toll, von bösen Geistern ergriffen, wahnsinnig. Die Nackten flochten aus Stroh Kränze und Mäntel. Andere krochen auf der Erde, weil sie sich für Tiere hielten. Wieder andere wähnten sich Könige zu sein, die schwere Steine für Gold hielten. Und vieles Schreckliche mehr.

Auch diesmal wurde an das Tor gepocht.
Und wieder verlangten sie nach dem Propheten aus Nazareth, der von Gott gesandt worden war, um ihnen ihre Seele und ihren Verstand wiederzugeben.
Wie im ersten Traum, so wies der Sklave die Menschen mit den Worten zurück: "Ihr braucht nicht weiter nach ihm zu suchen. Pilatus hat ihn getötet!!"

Es folgten Wahnsinnsschreie gleich dem Geheule wilder Tiere. In ihrer Verzweiflung zerfleischten sich die Menschen selbst. Blut quoll nur so über den Boden.
Tiefes Wehklagen entrang sich der Brust der Träumenden, die vom eigenen Klagen erwachte.

Ein drittes Mal schlummerte sie ein und fand sich alsbald wie in vorangegangenen Träumen auf dem Dach.
Jetzt duften Rosen und Mandelbäume verstreuten ihre Blüten, während ihre Sklavinnen ihr auf Zymbeln vorspielten.

Eine Stimme gebot ihr in den Hof zu schauen, doch sie wollte nicht.
So sehr sie sich wehrte, es gelang ihr nicht sitzen zu bleiben und nicht in den Hof zu schauen.

An ihre Ohren drangen Kettenrasseln, Hammerschläge, usw.
Es war als vereinten sich hier alle Gefangenen der Welt. Alle in schweren Eisenketten schmachtende, Ruderknechte von Gallähren, Geknechtete aus den Bergwerken mit ihren schweren Hämmern - bis hin zu all jenen, die zum Tode am Kreuz verurteilt worden waren und selbst ihr Kreuz schleppen mußten. Oder die man blendete, ihnen die Augen ausstach, die Gegeißelten, ebenso wie Sklaven, welche aus fernen Ländern verschleppt worden waren ...

Sie alle schrien und riefen verzweifelt und sehr fordernd: "Öffnet! Öffnet endlich!"
Und wie in den beiden Träumen zuvor antworteten sie auch diesmal dem fragenden Sklaven: "Wir suchen den großen Propheten, den von Gott auf die Erde gesandten, der auf die Erde gekommen ist um uns zu erlösen und uns endlich die Freiheit und das Glück zu schenken!"
Wie vorhin war auch diesmal die müde, gleichmütige Antwort des Sklaven: "Ihr braucht nicht weiter nach ihm zu suchen. Pilatus hat ihn getötet!!"

Obschon sie träumte, baute sich nun so viel Wut und Zorn auf unter diesen Unglücklichen, daß man schier meinte zu fühlen, wie Himmel und Erde erbebten.
Sie aber erfaßte ein krampfartiges Zitter und das Entsetzen schnitt ihr förmlich in den Leib, sodaß sie erwachte.
"Ich will nicht mehr träumen! ich bleibe jetzt sitzen und wache bis der Morgen anbricht, denn ich halte kein weiteres Mals solch furchtbaren Traum aus!"
Dabei setzte sie sich im Bett auf.

Trotzdem übermannte sie der Schlaf und sie sank in ihre Pölster retour.

Nun saß sie mit ihrem kleinen Sohn auf dem Dach ihres Hauses. Der lief hin und her und spielte mit dem Ball.
Abermals vernahm sie die Stimme, welche ihr befahl zur Balustrade zu gehen und in den Hof zu blicken.
"Nein! Niemals! Noch mehr Elend und Grauen ertrage ich nicht!"
Doch da flog der Ball des Kindes weit drüberaus. Der Kleine kletterte bereits auf die Balustrade um ihn zu holen. Was erschrak sie da, als sie ihr Kind in Gefahr sah! Eilig faßte sie nach dem Buben und konnte nicht verhindern unwillkürlich hinunter zu sehen.

Was sie nun sah, waren alle Menschen der Erde, die in Kriegen verwundet, verstümmelt oder getötet worden waren.
Der gesamte Hot war mit Blut überflutet!
Diese armen Menschen standen dicht gedrängt zusammen mit ihren Lieben, den Angehörigen, Kindern ohne Väter, Frauen ohne Beschützer und Greisinnen riefen nach ihren Söhnen und Enkeln!

Auf das Pochen der Verwundeten und das Fragen des Torhüters nach ihrem Begehr, antworteten sie: "Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth, Gott sendete ihn um Kriege und Feindschaften zu vernichten und endlich Frieden auf die Welt zu bringen. Er allein weiß, wie Schwerter zu Sensen und Speere zu Winzermesser umgeschmiedet werden können!"

Dem Sklaven erreichte es nun: "Kommt doch nicht immer wieder her um mich zu plagen! Ich sagte doch schon dreimal - ihr braucht nicht nach ihm zu suchen. Pilatus hat ihn getötet!!"
Mit lautem Krach fiel das Tor ins Schloß.

"Ich kann all diese Not nicht mehr ansehen, diesen Jammer nicht mehr anhören ...!"
Die Träumerin stürzte mit dem Kind von der Balustrade weg.
Nur ... als sie die Augen öffnete, stand die mit nackten Füßen auf dem kalten Marmorboden neben dem Bett.

Im nun folgenden Traum begleitete sie ihr Gatte aufs Dach.
Der lachte nur über sie und ihre Träume und machte sich lustig.
Die Stimme befahl auch jetzt: "Geh und schau dir alle Menschen an, die in deinem Hof warten."
"Ich will nicht schauen! Ich will nicht schauen!"

Da vernahm sie drei harte Schläge gegen das Tor. Jetzt schaute ihr Mann in den Hof hinab.
Er winkte ihr, sie solle näher kommen. Dann fragte er sie: "Kennst du diesen Mann?"

Ängstlich, ob der vorhergegangenen Erlebnisse, blickte sie in den Hof. Freilich, im Hof wimmelte es - doch es nur waren Pferde mit Reitern, Maultiere, Esel und Kamele, die mit schweren Lasten beladen darauf warteten, von en Sklaven endlich abgeladen zu werden.

Im großen Palasttor jedoch stand diesmal ein sehr hochgewachsener, vornehmer Reisender - alt, schwermütig und finster dreinschauend.

Sie erkannte ihn sofort und sie flüsterte ihrem Manne zu: "Erkennst du denn nicht Cäsar (12) Tiberius? Er ist nach Jerusalem gekommen." und weil Pilatus nicht gleich begriff, "schau doch, kein anderer als er kann das sein!"

[IMG]http://www.katze-edith.de/images/picky/pickyori/1-167.jpg [/IMG]

Nun endlich schnallte er, wer da untern stand: "Freilich, jetzt erkenne ich ihn auch."
Dabei preßte er die Finger gegen die Lippen, denn er wollte hören, was da unten geredet werde.

Unfreundlich trat der Türsteher auf den Mann zu: "Was willst du? Wen suchst du?"
Da antwortete der Fremde: "Ich suche den großen Propheten von Nazareth, dem Gott Wunderkräfte verliehen hat. Der Kaiser Tiberius ruft ihn, auf daß er ihn von einer schrecklichen Krankheit befreien möge, die kein anderer Arzt zu heilen vermag."

Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave in tiefer Demut und sprach demütig: "Herr, zürne nicht, aber Dein Wunsch ist unerfüllbar."

Mit einem Handzeichen erteilte der Kaiser seinen Sklaven den Befehl die kostbaren Geschenke, reichen Geschmeide, Schalen gefüllt mit schimmernden Perlen und Säcke voller Gold zu enthüllen.
"Dies soll alles dessen sein," sagte er zum Pförtner, "der Tiberius helfen kann. Sieh, damit könnten alle Armen der Welt reich werden!"

Noch tiefer als zuvor verneigte sich der Türsteher: "Bitte, Herr, zürne mir , deinem Knecht, nicht. Jedoch es ist vergebens - dein Verlangen ist unerfüllbar!"

Noch ein kaiserliches Handzeichen - jetzt brachten etliche Sklaven reichgestickte Gewänder mit juwelenbesetzten Brustschilden herbei.
Der Kaiser Tiberius sprach: "Schau her! Ich biete die Herrschaft über Judäa! Er soll das Volk auch als höchster Richter regieren! Nur soll er mir endlich sagen, wo der große Prophet ist, der Tiberius heilen kann."

"Ach, Herr!" war die verzweifelte Antwort des Sklaven und seine Verneigung reichte beinahe bis zur Erde: "Es steht nicht in meiner Macht. Ich kann dir nicht helfen!"

Ein neuerlicher Wink und es wurden ein goldener Stirnreif und ein kostbarer Purpurmantel gebracht.

"Sieh her! Es ist des Kaisers Wille!" sprach Tiberius, "Er gelobt, ihn zu seinem Erben einzusetzen und ihm die Herrschaft über die ganze Welt zu verleihen. Er soll die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu lenken. Möge er nur zuvor seine Hand ausstrecken, um Tiberius zu heilen."

Da sank der Sklave zu des Kaisers Füßen nieder und rief mit wehklagender Stimme: "Herr, es steht nicht in meiner Macht, Dir zu gehorchen. Er, den Du suchst, weilt nicht mehr hier auf Erden. Pilatus hat ihn getötet."



Es war bereit helllichter Tag und die Sklavinnen standen schon lange wartend bereit zum Ankleiden, als die Träumende erwachte.
Während das morgendlichen Ritus war die Herrin nachdenklich und still.

Erst, als eine der Sklavinnen das Haar ordnete, fragte sie nach ihrem Gemahl und erfuhr, dieser wurde schon früh morgens abberufen, um über einen Verbrecher Gericht zu halten.
"Ich hätte ihn gern zuvor gesprochen." sagte die junge Frau.
"Herrin, das wird während des Verhörs nicht möglich sein. Doch sobald es beendet ist, werden wir es dich wissenlassen." sagte die Sklavin.

Nach einiger Zeit fragte sie die Mädchen: "Hat eine von euch etwas von dem Propheten aus Nazareth gehört?"
Rasch kam von einer: "Der Prophet aus Nazareth ist ein "Wundermann."!"
Eine andere Sklavin sagte: "Seltsam, daß du gerade heute nach ihm fragst, denn gerade der ist es, den die Juden zum Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhört!!"

Die junge Frau gebot sogleich nachzufragen, wessen Schuld man ihn bezichtige.
"Herrin, sie klagen ihn an sich zum König dieses Landes erheben zu wollen. Es wird verlangt, ihn dafür zu kreuzigen!" hieß es.

Entsetzt vernahm sie diese Mitteilung und verlangte: "Ich muß mit meinem Gatten reden, sonst wird am heutigen Tage hier ein schreckliches Unglück geschehen."
Als ihr versichert wurde, selbst sie, die Gattin des Landpflegers, dürfe nicht zu ihm, brach sie in Tränen aus.

Eine ihrer Dienerinnen wurde von Mitleid ergriffen und sprach: "Wenn Du eine schriftliche Botschaft an den Landpfleger senden willst, so werde ich versuchen, sie ihm zu übermitteln."



Und alsogleich nahm sie einen Stift und schrieb einige Worte auf eine kleine Wachstafel, die man Pilatus überbrachte. Ihn jedoch traf sie den ganzen Tag über nicht mehr.
Nach Abfertigung gemäß des Wunsches der Juden über den Verurteilten, wurde dieser zum Richtplatz geführt.

Für Pilatus war die Essenszeit gekommen, zu welcher er einige Römer eingeladen hatte.



Selbst ob der Beredsamkeit eines jungen Meisters war es kein frohes Mahl wie üblich, denn die Gemahlin des Landpflegers saß stumm und überaus betrübt bei Tisch.

Als sie Gäste besorgt über das Warum nachfragten, begann Pilatus lachend von der Botschaft , die sie ihm geschrieben hat, zu erzählen.
Er trieb Scherze mit ihr: "Man stelle sich nur vor," lachte er, "ein römischer Landpfleger läßt sich von den Träumen seines Weibes in seiner Urteilsfähigkeit beeinflussen ... hahahahaaaaa ..."

Tieftraurig und leise sagte sie: "Das war wahrlich kein Traum, sondern eine Mahnung der Götter! Hättest du den Mann doch nur noch einen Tag leben lassen ..."
So sehr die Gäste sich auch bemühten mit fesselnden Gesprächen sie abzulenken, sie war keinem Trost zugänglich.
Sie blieb ernst und betrübt.

Plötzlich - etwas Seltsames schien sich anzukündigen ...

"Was ist das? Wir haben doch nicht so lange gespeist? Es ist doch noch Nachmittag und doch scheint es, der Tag geht schon zu Ende ..." sagte einer am Tisch.
Jetzt fiel das auch den anderen auf.
Diese eigenartige Dämmerung, die sich wie ein seltsames Farbenspiel auf alles legte.
In der Natur war es gespenstisch still. Kein Vogelgezwitscher.
Nichts!

Es verfinsterte sich noch mehr.
Der junge Meister meinte erschauderndem Gesichtsausdruck: " Wir gleichen wirklich den Toten. Unsere Wangen sind ja grau und unsere Lippen schwarz!"

Die Dunkelheit wurde tiefer und tiefer.
Die junge Frau rief: " Ach, Mann, glaubst Du noch immer nicht, daß die Unsterblichen Dich warnen wollen? Sie zürnen, weil Du einen heiligen und schuldlosen Mann zum Tode verurteilt hast. Ich meine nun, daß er jetzt schon ans Kreuz geschlagen und sicherlich noch nicht tot sein kann. Laß ihn bitte vom Kreuze abnehmen! Mit meinen eigenen Händen will ich seine Wunden heilen. Gewähre Du es nur, ihn ins Leben zurückzurufen!"

Doch Pilatus lachte nur schallend: " Ganz sicherlich hast Du recht, dies als ein Zeichen der Götter anzusehen. Doch keinesfalls lassen sie die Sonne ihren Schein verlieren, nur weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode verurteilt worden ist. Dagegen können wir wohl erwarten, daß bedeutsame Ereignisse eintreten werden, die das ganze Reich angehen. Wer kann es wissen, wie lange der alte Tiberius – – –"

Er sprach nicht mehr weiter. Die Finsternis war nun so tief geworden, daß er seinen eigenen Weinpokal nicht mehr sehen konnte.
Er befahl schleunigst Lampen herbei zu schaffen.

Im Schein derer erkannte er an den Gesichtern seiner Gäste deren Verstimmung, die auf ihnen lag.
Verärgert sprach er zu seiner Frau: "Schau nur! Es scheint mir wirklich, es ist Dir geglückt mit Deinen Träumen die frohe Stimmung unseres Kreises zu zerstören. Aber wenn es schließlich so sein muß, daß Du heute an nichts anderes zu denken vermagst, dann laß uns lieber hören, WAS Du geträumt hast. Erzähle uns doch einmal alles, dann werden wir versuchen, die Deutung hierfür zu finden."

Sofort begann sie zu erzählen.
Die Gäste wurden immer ernster.
Keiner leerte mehr seinen Becher. Falten lagen auf jedes einzelnen Stirn. Lediglich Pilatus lachte und lachte und hielt alles für eine Sinnestäuschung.

Am Ende sagte der junge Rhetor: "Dies ist wahrlich doch mehr als ein Traum, denn heute sah ich zwar nicht den Kaiser persönlich, jedoch seine alte Freundin Faustina in Jerusalem einziehen. Ich wundere mich nur, daß sie noch nicht hier im Palast des Landpflegers erschienen ist."
"Es geht ja wirklich ein Gerücht um, der Kaiser leide an einer furchtbaren Krankheit," erzählte der Anführer der Truppen. "Auch mir erscheint es glaubhaft, wenn der Traum Deiner Gattin eine von den Göttern gesandte Warnung sein könnte."

"Es wäre nicht unmöglich, daß Tiberius Boten hergesandt hätte, um den Propheten an sein Krankenlager zu berufen," stimmte der junge Rhetor bei.
Nun wandte sich der Truppenanführer an Pilatus: " Falls der Kaiser wirklich auf den Einfall gekommen ist, diesen Wundertäter zu sich rufen zu lassen, so wäre es besser für Dich und für uns alle, ihn lebend vorzufinden."

Jetzt war Pilatus zornig: " Ist es diese Finsternis, die Euch zu Kindern gemacht hat? Man könnte wirklich glauben, Ihr alle seiet in Traumdeuter und Propheten verwandelt worden!"

Immer dringender wurden die Worte des Hauptmanns: "Vielleicht ließe sich noch jetzt das Leben dieses Mannes retten, wenn Du eiligst einen Boten ausschickst!"
"Ja wollt ihr mich alle zum Narren machen?" Pilatus tobte, " Sagt selber, wohin würde es in diesem Lande mit Recht und Ordnung kommen, wenn man in Erfahrung brächte, ICH, der Landpfleger begnadige einen Verbrecher, weil meine Frau einen bösen Traum hatte?"

"Es ist aber doch Wahrheit und kein Traum. Ich selbst habe Faustina in Jerusalem gesehen!" warf der junge Rhetor ein.
"Ja und ich übernehme es, mein Vorgehen in dieser Sache dem Kaiser gegenüber zu vertreten," sprach Pilatus. "Er wird einsehen, daß dieser Schwärmer, der sich ohne jede Gegenwehr von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht besessen hätte, ihm zu helfen."

Kaum ausgesprochen, brach heftiges Grollen, wie Donnerschläge über den Palast herein.
Ein Erdbeben wie noch nie ließ alles erzittern.
Während der Palast so ziemlich verschont blieb, hörte man unter fürchterlichem Getöse die Häuser draußen zusammenstürzen, Säulen und Pfeiler einknickten und umfallen ...
Eine dicke Staubwolke erschwerte das Atmen.



Es dauerte ziemlich lange, ehe sich der Landpfleger und seine Gäste von ersten Schrecken erholten.
Pilatus befahl einem Sklaven: " Eile zum Richtplatz hinaus und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus Nazareth vom Kreuze genommen werde!"
Der Sklave eilte so rasch er konnte.



Die Gesellschaft aber begab sich nach dem Peristyl (13) , um unter freiem Himmel zu sein, falls die Erde erneut bebt.
Bis zur Wiederkehr des entsandten Sklaven verlor keiner ein Wort.

Atemlos trat der Sklave vor Pilatus.
"Konntest du es ausrichten? Lebte er noch?" fragte dieser ungeduldig.
"Herr, er war dahingeschieden. Man sagt, im Sterben verfinsterte sich die Erde und alles war totenstill. Als er seinen Geist aufgab, erbebte die Erde ..."

Zugleich vernahmen sie harte Schläge gegen das Tor.
Alle zuckten sie zusammen, denn sie fürchteten erneutes Beben.
Doch ein Sklave trat ein und sagte: "Die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Angehörige, entbieten dir ihren Gruß. Sie sind mit der Bitte hergekommen, du mögest ihnen helfen, den Propheten von Nazareth aufzusuchen."

Im Peristyl erhob sich ein leises Gemurmel. Man vernahm gedämpfte Schritte.
Als der Landpfleger umherblickte, erkannte er, daß seine Freunde von ihm gewichen waren, wie von einem, der dem Unheil verfallen ist.



Faustina betrat nach der Seereise in Capri wieder römischen Boden und eilte sogleich zu Kaiser Tiberius.

In ihrer Abwesenheit hatte sich die Krankheit grauenhaft verschlechtert.
Sie sagte darob zu sich selbst: " Gäbe es bei den Himmlischen Barmherzigkeit, so hätten sie mich sterben lassen, um mich davor zu bewahren, diesem armen, gepeinigten Menschen so sagen zu müssen. Nun ist alle Hoffnung dahin ..."

Tiberius allerdings hörte sie mit größter Gleichgültigkeit an.
Sie hingegen wagte nicht in bei ihrer Erzählung anzusehen. Sie sprach vom Tag ihrer Ankunft in Jerusalem und daß genau an dem Tag der große Wundertäter gekreuzigt wurde --- wie nahe sie ihm gewesen war ihn zu retten --- wie er sie umfaßte, während sie ihm Blut und Schweiß wegwischen wollte ---
Dicke Tränen quollen aus ihren Augen ob der großen, bitter enttäuschten Hoffnung ...

Tiberius versuchte ihr Trost zu geben: "Darüber grämst Du Dich also wirklich? Ach, Faustina, ein ganzes in Rom verbrachtes Leben hat Dich nicht von dem Glauben an Zauberer und Wundertäter befreit, den Du während Deiner Kindheit in den Sabiner Bergen mit der Luft eingeatmet hast."
Faustina erkannte, er hatte nie wirklich Hilfe vom Propheten aus Nazareth erwartet.

"Da läßt du mich allen Ernstes die weite Reise in das ferne Land machen, obwohl du nicht an den Propheten glaubst und alles für nutzlos hältst?!"
"Faustina," sagte der Kaiser, "dir, meinem einzigen Freund werde ich niemals eine Bitte abschlagen, solange ich noch einen Funken Macht habe, sie zu erfüllen."

Gekränkt meinte sie, er würde sie verspotte und so brauste sie auf: "Das genau ist deine Tücke! Genau das kann ich an dir am wenigsten leiden!"
Er blickte sie an: "Du hättest besser nicht zurückkehren sollen, sondern wärst besser in deinen Bergen geblieben ..."

Es schien für einen Moment, als würden sie streiten wollen.
Doch schon in der nächsten Sekunde wußte Faustina, sie würde nicht ernsthaft mit ihm böse sein können.
Und wie es in der menschlichen Natur ist, versuchte sie mit leiser, gesenkter Stimme doch noch recht zu behalten.
"Dieser Mann ist in Wahrheit ein Prophet gewesen," sprach sie. "Ich habe ihn gesehen. Als sein Blick dem meinen begegnete, glaubte ich, er sei ein Gott. Ich muß wahnsinnig gewesen sein, als ich ihn in den Tod gehen ließ!"
"Ich bin darüber froh," entgegnete Tiberius. "Er war ein Majestätsverbrecher und ein Aufwiegler."

Faustina war nahe daran, wieder vom Zorn übermannt zu werden.
"ICH habe in Jerusalem mit vielen seiner Freunde gesprochen, warf sie ein. "ER hat niemals die Verbrechen begangen, deren man ihn anklagte."

"Sollte er auch nicht gerade DIESE Verbrechen begangen haben, so war er doch wohl keinesfalls besser als irgendein anderer Mensch," sprach der Kaiser in mattem Tone. "Wo wäre wohl der Mensch zu finden, der während seiner Lebenszeit nicht tausendfach den Tod verdient hätte?"

Diese Worte waren es, die Faustina nun tun ließen wozu sie sich zuvor noch nicht entschließen konnte.
"Gut, dann werde ich Dir also einen Beweis für seine Macht geben," sprach sie. "Ich erzählte Dir doch, daß ich mein Schweißtuch über sein Antlitz gebreitet hatte. Es ist dasselbe Tuch, das ich jetzt hier in meiner Hand halte. Willst Du es einen Augenblick betrachten?"

Jetzt erst gewahrte er, daß sie während der ganzen Zeit etwas in der Hand hielt.
Sie breitete das feine Tuch aus ...
und ...



er schaute in das schattengleiche Antlitz eines Menschen ...
Faustinas Stimme bebte vor Rührung als sie fortfuhr: "Jener Mann erkannte, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er es vermochte, mir sein Bild zu hinterlassen. Doch bei seinem Anblick füllen sich meine Augen mit Tränen."

Nun beugte sich Tiberius vor um intensiver dieses Bildnis aus Blut, Schweiß und Tränen zu betrachten.
Er erkannte die schwarzen Schatten jener Leiden ...
Immer deutlicher trat das Gesicht jenes Mannes aus dem Tuch hervor. Bald erkannte man jeden einzelnen Blutstropfen, jede einzelne Dorne der stachligen Dornenkrone, das mit Blut verklebte Haar, die Lippen, welche vor Schmerzen zu beben schienen ...

Immer tiefer beugte er sich über das feine Tuch. Immer klarer wurde das Bildnis.
Aus den schattenhaften Linien waren nun auf die Augen zu erkennen. Es schien als strahlten sie in einem verborgenen Leben.
Trotz grausamsten Leid offenbarte sich doch eine Hoheit, eine Reinheit!
Tiberius sank zurück auf die Bank. Aber er konnte seinen Blick nicht von dem Tuch wenden.
"Ist das der Mensch?" Und immer wieder: "Ist das der Mensch?"



So still er da lag, so tief traf ihn der Anblick.
Tränen strömten nun auch ihm über seine Wangen.
Schließlich flüstere er: "Ich bedaure sehr den Tod dieses Mannes ..."
Plötzlich schrie er Faustina an: "Warum hast du ihn sterben lassen?! Er würde mich geheilt haben!!"

Erschöpft lag er eine geraume Zeit still da um sich dann endlich zu Boden gleiten zu lassen.
Er sank vor dem Bildnis auf die Knie: "Du bist ein Mensch. Du bist DER, dessen ansichtig zu werden ich nimmer glaubte."
Er wies sein zerstörtes Gesicht, auf seine von Eiter zerfressenen Hände.
"Ich und alle anderen, wir sind Raubtiere und Ungeheuer, aber Du bist ein Mensch!!"
Dabei beugte er den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er den Boden berührte.
"Erbarme Dich meiner, du Ungekannter!" flehte er.
Seine Tränen benetzten die Steine. "Wenn Du noch lebtest, so würde DEIN Anblick allein mich heilen ...!"

Wie sehr Faustina sich über dies alles erschrak!
Was hat sie ihm angetan?!
Und sie dachte: 'Es wäre klüger gewesen ihm das Tüchlein nicht zu zeigen.'
Sie hatte schon von Anfang an befürchtet, welch mächtiger Kummer ihn überkommen werde, sobald er es sieht.

In ihrer Verzweiflung entriß sie ihm das Tuch.

Da ...
Der Kaiser sah auf und ...
Sein Gesicht war total verwandelt!
Es war wie einst vor der Krankheit. Bevor Haß und Menschenverachtung sein Herz erhärteten.
Und nun ...
In dem Augenblick, da er für diesen Menschen mit all seinem Leid, den Qualen, nur sichtbar im Tuch, tiefe Liebe, Mitleid und Mitgefühl empfand, da wich die Krankheit von ihm.


Tiberius ließ keine Zeit verstreichen. bereits andern tags entsandte er drei Boten.

Der erste Bote erhielt den Befehl nach Rom zu gehen. Der Senat soll Untersuchungen über den Landpfleger Pilatus in Palästina anstellen. Er, der Kaiser, wünsche genausten Bericht, wie jener sein Amt verwalte. Ergibt es, er habe Unschuldige zum Tode verurteilt und das Volk unterdrückt, so soll ihn selbst der Tod ereilen.

Der zweite Bote wanderte auf die Sabiner Berge zu jenem Winzer und seiner Frau in Faustinas Heimathütte.
Zum einen wollte er die beiden belohnen für den Rat, den sie dem Kaiser seinerzeit erteilt hatten, zum andern auch, um ihnen über alles, was geschehen war, genau zu berichten.

Als der Winzer alles vernommen hatte, weinte er leise: "Ich werde wohl mein Leben lang darüber nachdenken und grübeln, was geschehen wäre, wären sich diese beiden begegnet ..."
Seine Frau legte ihre Hand auf seinen Arm: "Schau, es konnte doch nicht sein. Allein der Gedanke wäre unfaßbar gewesen, daß die zwei sich getroffen hätten. Gott, der Herr, allein wußte wann die Zeit und die Welt reif dazu waren."

Der dritte Bote aber reiste nach Palästina.
Dort suchte er einige von Jesu Jünger auf und brachte sie mit nach Capri zum Kaiser.
Hier begannen sie über den Gekreuzigten zu predigen und bald verkündeten sie im Übrigen Land ihre Botschaft.

Einen der Jünger Jesu brachten sie zur alten Faustina.
Sie lag bereits im Sterben auf ihrem Totenbett.
Doch es gelang sie vor ihrem Gang ins Jenseits zur Bekennerin des großen Propheten aus Nazareth zu weihen taufen und zu taufen.
Bei der Taufe erhielt sie den Namen




VERONIKA




Veronika deshalb, weil es ihr beschieden war, der Menschheit das wahre Bild unseres Heilands und Erlösers, Jesus Christus, zu überliefern!









Einige Erläuterungen zum besseren Verständnis!

(1)
Tiberius Claudius Nero -- Römischer Kaiser --
Geboren: 16. November 42 v. Chr., Rom, Italien --
Gestorben: 16. März 37 n. Chr., Miseno, Italien



(2)
Sabiner Berge = westliches Randgebirge des Abruzzischen Apennin,
Höchster Gipfel: Monte Pellecchia (1365 m),
zwischen Tiber und Turano, w
waldreiches,weitgehend landwirtschaftlich genutztes Bergland --
Provinz: Rieti, Italien



(3)
Saron-Ebene - erstreckt sich entlang der israelischen Mittelmeerküste
zwischen dem Großraum Tel Aviv und dem Karmelgebirge -
ehemalige römische Provinzhauptstadt Caesarea

(4)
Marillen = Aprikosen



(5)
Frühlingsfest = wichtigstes, höchstes Fest der Juden = Pessachfest
Damit wird an den Auszug aus Ägypten gedacht

(6)
Petrus = Simon Petrus -- († um 65–67) -- Jünger - Apostel von Jesus und 1. Bischof von Rom
Namensbedeutung = Stein
verleugnet Jesus 3x ehe der Hahn krähte
er wurde selbst auch zum Tod am Kreuz verurteilt und er bat, man würde ihn kopfüber aufstellen (ist noch qualvoller!)



Gedenktag = 29. Juni (alle christl. Kirchen = röm.-kath., evangel., anglikan., armen., orthodox, koptisch., ...)
Sein Attribut = Schlüssel



(7)
Judas, der Jesus mit einem Kuß auf dem Ölberg verraten hat

( 8 )
Jesus Christus und dem Weg zur Kreuzigung
Namensgebung: 1. Jänner = katzh., eveng., syr.-orthodox, orthodox, armen., anglikan., kopt., ...
Name bedeutet: der Gesalbte, der Retter

(9)
Jesu Sterbetag = Karfreitag
--- laut unserer Zeitrechnung haben seriöse Wissenschaftler verschiedener Länder und Wissensgebieten herausgefunden -
Jesus starb tatsächlich an einem Freitag --- es war der 3. 4 33 n. Chr.
es stimmen ferner alle Berichte der Bibel mit anderen Aufzeichnungen aus dieser Gegend überein ---
es gab damals am Nachmittag eine totale Sonnenfinsternis und gleichzeitig das stärkste Erdbeben mit immensen Zerstörungen im gesamten Raum um Jerusalem

(10)
"Schweißtuch der Veronika" wird jeden 2. Sonntag in Rom/Petersdom nach dem Fest der "Erscheinung des Herrn" den Gläubigen gezeigt
--- legt man es über den "Schleier von Manopello (Abruzzen), so ist eine totale Übereinstimmung zu erkennen.
Dies haben wissenschaftliche Untersuchungen mit großer Bestimmtheit ergeben!

(11)
Muschelseide = (griech. Byssos)
= ist ein Sekret aus der Fußdrüse verschiedener Muschelarten.
= phenolische Proteine
- derzeit leben nur noch eine Handvoll Frauen, die es verstehen daraus ein Garn herzustellen und Stoff zu weben
- das Besondere daran, Muschelseide verschmutzt und zerreißt nicht.



(**)
Veronika (lat.) = wird im Nikodemus-Evangelium als Berenike (makedon.) bzw, Pherenike (griech.) genannt.
Der Name bedeutet: SIEGBRINGERIN
gefeiert wird sie: 4. Feber und 9. Juli = kath., 12. Juli = orthodox, 16. August = armenisch
Hl. Veronika - verehrt von Katholiken, Protestanten, Orthodoxen, ...
Patronin der Pfarrhaushälterinnen, Wäscherinnen, Leinenweber und -händler;
bei schweren Verletzungen
beim Kreuzweg wird sie in der 6. Darstellung gezeigt!

Ihr Attribut ist das Schweißtuch


(12)
Cäsar - ein anderer Ausdruck der Römer für ihren Kaiser

(13)
Peristyl - antike Architektur -- rechteckiger Hof umringt von allen Seiten mit durchgehenden Säulenhallen --- ein nicht überdachter Innenhof eines Prachtgebäudes











18. 4. 2018
@eea
18.04.2018 12:43 katze_edith ist offline E-Mail an katze_edith senden Beiträge von katze_edith suchen Nehmen Sie katze_edith in Ihre Freundesliste auf

Baumstruktur | Brettstruktur

Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Katze-Ediths Homepage » Katze-Edith » Lyrik ~ Epik ~ Dramatik » Eigene Geschichten » ... vom Schweißtuch der heiligen Veronika
    Forensoftware: Burning Board
    entwickelt von WoltLab GmbH
Umbau zum CMS    
by Edel-Rot & Frechdachs by DesignSphere